Glossar (Fachbegriffe und Stichwörter) zum Gesundheitszentrum

EAV (Erweiterte ambulante Versorgung)

Ein großes Hindernis in unserem Gesundheitssystem sind die „Sektorengrenzen“ zwischen ambulanter und stationärer Versorgung in der gesetzlichen Krankenversorgung (durch gesetzliche Krankenkassen). So ist eine ambulante Versorgung durch Krankenhausärzte nur ausnahmsweise im Rahmen einer so genannten „Ermächtigung“ zulässig. Das bedeutet, dass ein Krankenhausarzt für jede ambulanten Behandlung eine spezielle Genehmigung braucht. Umgekehrt dürfen ambulant arbeitende Ärzte Leistungen im stationären Bereich nur im Rahmen eines „Konsils“, d.h. nur im Rahmen eines ganz gezielten Auftrags erbringen.

Das Modell einer EAV dagegen soll als eine „neue Versorgungsform“ die Sektorengrenzen öffnen. Nach der Schließung kleiner Krankenhäuser sollen diese in dem Modell EAV weiter / wieder Patientinnen und Patienten von niedergelassenen Fachärzten und am IGZ (intersektoralen gesundheitszentrum) arbeitenden Pflegekräften und eventuell weiteren Gesundheitsfachkräften bis zu 5 Tage lang betreut werden können.

Kommentar: Ein Haken ist allerdings an diesem seit 2018 von verschiedenen Institutionen hoch gelobten Modell dran: Es gibt es noch nirgends!
So schrieb die Ärztezeitung am 10.10.2018: „… eine erweiterte ambulante Versorgung (EAV) steht rechtlich, politisch und honorartechnisch auf sehr wackeligen Füßen. Will heißen: Da sind noch dicke Bretter zu bohren.“ Daran hat sich bis heute noch (fast) nichts geändert. Ein Vertrag mit den Krankenkassen steht für Spaichingen auch nach 1 ½ Jahren zäher Verhandlungen und trotz „Rückenwind“ durch die Landesregierung noch aus!

IGZ (intersektorales Gesundheitszentrum)

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat 2018 den Vorschlag gemacht, kleine, Krankenhäuser in sogenannte Intersektorale Gesundheitszentren (IGZ) umzuwandeln. Das IGZ würde demnach eine allgemeinmedizinische, internistische sowie chirurgische Grundversorgung anbieten, die bei Bedarf erweitert werden kann, etwa durch Kooperationen mit niedergelassenen Ärzten, zum Beispiel im Bereich des ambulanten Operierens. Die Intersektoralen Gesundheitszentren sollen im ambulanten Sektor angesiedelt sein, jedoch soll ihr Angebot über klassische ambulante Leistungen hinausgehen. Denn im Rahmen einer erweiterten ambulanten Versorgung (EAV) sollen die IGZ-Zentren auch über Bettenabteilungen verfügen, in denen Patienten bei Bedarf über Nacht bleiben können. Das Konzept der EAV sieht vor, dass Patienten für maximal fünf Tage eine pflegerische Rund-um-die-Uhr-Betreuung erhalten. Ärzte wären immer vor Ort, allerdings außerhalb der Sprechzeiten in Rufbereitschaft. (Lit.: Dtsch Arztebl 2018; 115(42): A-1847 / B-1549 / C-1535)

Kassenärztliche Vereinigung

Die KV ist der Zusammenschluss der an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmenden Ärzte. Sie vertritt deren Positionen nach außen und hat als Körperschaft des öffentlichen Rechts den Auftrag, die ambulante Versorgung sicher zu stellen. In ihrem Leitbild geht sie in ihrem Anspruch noch weiter: „Wir gestalten und sichern die medizinische Versorgung der Menschen in Baden-Württemberg“ Damit erhebt sie auch den Anspruch einer umfassenden, auch die „nichtambulanten Bereiche“ betreffenden, Einflussnahme. Sie bestimmt weitgehend über die Erlaubnis und den Umfang der ambulanten Leistungserbringung (Stichwort: Ermächtigung) von Kliniken, Klinikärzten und Medizinischen Versorgungszentren.

Sozialministerium

Die Krankenhausplanung ist ein Teil der vielen wichtigen Aufgaben des Sozialministeriums. Da die Krankenhäuser in unterschiedlicher Trägerschaft betrieben werden (kommunal: Städte oder Kreise, kirchlich oder privat) und weil die Betriebskosten (Personal, Sachkosten) im Rahmen einer „dualen Finanzierung“ von den Krankenkassen über die Erlöse aus den stationären Behandlungen finanziert werden, bleiben der Politik zur Steuerung nur die Zuschüsse zum Krankenhausbau und Qualitätsvorgaben. Eigentlich sollten alle Kosten für den Krankenhausbau vom Land getragen werden. Tatsächlich ist dies allenfalls ein Viertel. Der Rest muss von den Krankenhausträgern aufgebracht werden.

Firma Oberender AG

In Bayreuth Unternehmensberatung, welche 2018 in einem Gutachten für die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) das Modell der IGZ als „innovatives Modell der erweiterten ambulanten Versorgung zur Transformation kleiner ländlicher Krankenhausstandorte“ (https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bvb:703-epub-3852-8) vorgeschlagen hat. Der Kreistag hat am 24.10.2019 entschieden, entsprechend eines Gutachtens der Firma Oberender den Klinikstandort Spaichingen nach Tuttlingen zu verlagern und ein IGZ am Standort zu gründen. Damals vorgeschlagener Ablauf und Zeitplan:

Firma DIOMEDES

Mit der Umsetzung des Kreistagsbeschlusses vom 24.10.2019 beauftragtes Beratungsunternehmen aus Melsungen. Es soll die „gesetzten Punkte“ des Kreistagsbeschlusses umsetzen. Damit beauftragt vor Ort ist Herr Michael Osypka. Er wird ab Mai 2021 regelmäßig im Gesundheitszentrum Spaichingen ein Büro haben und anwesend sein.

„Gesetzte Punkte“

Der Kreistag hat beschlossen, nach der Verlagerung der Klinikstrukturen von Spaichingen nach Tuttlingen, bestimmte Angebote in Spaichingen zu belassen bzw. aufzubauen. Das sind:

  • Die EAV (erweiterte ambulante Versorgung) mit IGZ
  • Eine solitäre Kurzzeitpflege
  • Das bereits vorhandene Zentrum für ambulante Operationen (ZAO)
  • Die Gewinnung der für die EAV erforderlichen Fachärzte

Dafür ist die Firma DIOMEDES (Melsungen) beauftragt, vor Ort vertreten durch Herrn Michael Osypka. Dieser ist als Geschäftsführer der neu zu gründenden GmbH des Gesundheitszentrums vorgesehen.

Solitäre Kurzzeitpflege

Kurzzeitpflege ist Pflege, welche nicht auf Dauer geplant ist, sondern nur vorübergehend,

  • etwa im Anschluss an einen Klinikaufenthalt, bis durch weitere Genesung wieder Selbstversorgung möglich ist
  • bei Verhinderung eine Pflegeperson, weil diese durch Krankheit ausgefallen ist oder Erholung benötigt („Verhinderungspflege“)

Der Aufenthalt in einer Kurzzeitpflegeeinrichtung ist daher kürzer, ein Wechsel der zu Pflegenden häufiger, die zu Pflegenden eventuell (noch) weniger selbstständig als in der langzeitpflege, was den Pflegeaufwand erhöht. Dieser erhöhte Aufwand ist durch die Vergütung im Rahmen der Pflegeversicherung nicht berücksichtigt. Dies lösen Anbieter von Kurzzeitpflege üblicherweise durch eine Mischkalkulation, indem sie Kurzzeitpflegeplätze mit einer stationären (Langzeit-)Pflege verbinden.

Eine solitäre Kurzzeitpflege lässt sich wegen dieser Situation nicht so ohne Weiteres wirtschaftlich darstellen. Dies macht sinnvolle Zusatzangebote (z.B. Rehabilitation, Angebote für Angehörige, Wellnessangebote) anstrebenswert. Dies ist auch der Ansatz des angestrebten Pflegehotels. Dafür sind allerdings dann neu zu verhandelnde Verträge mit den Kostenträgern erforderlich.

MVZ (Medizinisches Versorgungszentrum)

Seit 2004 können medizinische Versorgungszentren (MVZ) wie niedergelassene Vertragsärzte in Einzelpraxen oder Praxisgemeinschaften an der kassenärztlichen Versorgung teilnehmen. Dies regelt § 95 des Sozialgesetzbuchs V. Die Ärzte (oder Psychotherapeuten) arbeiten dort als Angestellte. Die MVZ können Fachärzte unterschiedlicher Fachrichtungen beschäftigen, aber auch Fachärzte nur einer Fachrichtung. Sie ähneln in ihrer Struktur den früheren Polikliniken der ehemaligen DDR. Gesetzlich geregelt ist, wer ein MVZ gründen und betreiben darf. Der Zulassungsausschuss entscheidet über die Zulassung zur vertragsärztlichen Versorgung. Krankenkassen können mit MVZ auch Versorgungsverträge im Rahmen einer so genannten integrierten Versorgung schließen.

ZAO (Zentrum für ambulante Operationen)

Im Zentrum für ambulante Operationen sind Operationssäle und ergänzende Infrastrukturen speziell für ambulant durchführbare Operationen vorgehalten. Dadurch, dass hier ausschließlich ambulante Operationen ganz unterschiedlicher Fachrichtungen durchgeführt werden, können die organisatorischen Abläufe wesentlich einfacher und rationeller geregelt werden. Die Patienten werden ambulant auf die geplanten Operationen vorbereitet, kommen zum vorgesehenen Zeitpunkt, werden operiert und nach einer angemessenen Nachbeobachtungszeit wieder nach Hause entlassen. Dies spart Ressourcen gegenüber Operationen im stationären Umfeld und verbessert die Zufriedenheit der Patienten und Ärzte durch exakt und verlässlich geregelte Abläufe.

Tagespflege

Bei dieser Form der pflegerischen Betreuung kommt die pflegebedürftige Person am Morgen in die Pflege-Einrichtung, bleibt dort tagsüber und wird spätnachmittags wieder in häusliche Pflege abgeholt. Diese Form der Betreuung steht somit zwischen der häuslichen / ambulanten und der stationären Pflege. Tagesgäste wie Pflegende profitieren davon: Einerseits ermöglicht sie Entlastung der Pflegenden tagsüber diesen, ihren Bedürfnissen, Beschäftigungen oder ihren beruflichen Verpflichtungen nachzukommen. Andererseits werden in der Tagespflege regelmäßig Beschäftigungen wie Unterhaltung, Gymnastik, Kochen und Backen, kreatives Gestalten, hauswirtschaftliche Tätigkeiten oder auch Ausflüge, Konzerte oder Feste im Haus oder auch Spaziergänge angeboten. Solche Angebote fördern die Kommunikation, körperliche und geistige Stabilität sowie auch die Selbständigkeit und die Alltagstauglichkeit der Tagesgäste.

Pflegehotel

Da die Versuche, einen großen Anbieter von stationärer Pflege aus der Region zu einer Kooperation zum Aufbau einer „Solitären Kurzzeitpflege“ zu gewinnen, nicht in dem erwarteten Maß voran kamen, wurde der Hinweis auf die Angebote des „Pflegehotels Willingen“ (https://www.pflegehotel-willingen.de/) sehr aufmerksam wahrgenommen, zumal die Organisation in Baden-Württemberg bereits ein Projekt an einem anderen Ort aktiv entwickelt und weitere derartige Projekte beabsichtigt, auch in unserer Region. Eine Kontaktaufnahme war vielversprechend, das Konzept beeindruckte: Eine „Therapie Plus“ wie im Kneippheilbad Willingen soll aus Tages- und Kurzzeitpflege sowie Therapie und Rehabilitation bestehen. Zudem ist beabsichtigt, gesunden Urlaub für pflegende Angehörige anzubieten. Es sollen somit Wellness und medizinische Therapie- und Trainingsmöglichkeiten bei der Pflege miteinander verbunden werden. Mit einem solchen umfassenden Angebot könne es gelingen, die wirtschaftlichen und organisatorischen Schwierigkeiten zu lösen, welche bei einer solitären Kurzzeitpflege allein bestehen. Zumindest ist dies offenbar in Willingen gelungen.